Von Denk-Stilen & Dialogräumen

Am Ostermontag haben wir unsere Einladung zum Dialog auf den Weg gebracht. Und dann? Wie geht es nach so einem Anstoß weiter?

Je mehr Bedeutung das Projekt Herbstdialoge in meinem Leben gewinnt, desto häufiger begegnen mir im Alltag Dinge, die damit in Zusammenhang stehen und den Dialog immer wieder in meinen Fokus rücken. Beispielsweise saß ich in der vergangenen Woche in einem Seminar zu Paul Feyerabends Wissenschaft als Kunst. Dieses kleine Büchlein versucht zunächst, eine Kunsttheorie für das Verständnis von Wissenschaft fruchtbar zu machen. Daher war ich überrascht, wie häufig sich meine Gedanken in diesen zwei Tagen um das Thema Dialog drehten.

Den Kern des Buchs bilden einige Thesen, die Feyerabend über das Wesen der Künste, die Wissenschaften und das Verhältnis von Künsten und Wissenschaften zueinander aufstellt. Er greift die Kunsttheorie Alois Riegls auf und sagt, dass sich unter ‚den Künsten‘ immer verschiedene Stilformen vereinen, die zunächst gleichwertig nebeneinander stehen. Tatsächlich werden sie aber meistens willkürlich von einem Standpunkt aus betrachtet, der damit ‚richtiger‘ wird, als die anderen. Laut Feyerabend trifft das nicht nur auf Kunst-Stile zu, sondern ebenso auf Denk-Stile und die Wissenschaften. Das heißt, verschiedene Arten Wissenschaft zu betrachten und zu betreiben, stehen grundsätzlich gleichberechtigt nebeneinander. Einzig die Tatsache, dass wir meist aus einer bestimmten Richtung her schauen, sorgt für ein Ungleichgewicht und eine Bewertung. So, wie ich Feyerabend verstehe, möchte er ein Nebeneinander-Bestehen-Können verschiedener Akteure, Schulen, Disziplinen und so fort möglich machen und damit eine Begegnung auf Augenhöhe ermöglichen. Dieser Gedanke führt mich zu der Frage, ob wir ‚nur‘ eine wertfreie Koexistenz verschiedener Denk-Stile kultivieren müssen, um… Ja, um was zu erreichen? Ist das bereits die Voraussetzung für einen gelungenen Dialog oder ist es zunächst nur die Bedingung dafür, sich gegenseitig zuzuhören und das Gehörte aktiv zu durchdenken, anstatt sich von Vor-Urteilen leiten zu lassen?

Eine weitere von Feyerabends Thesen lautet: Wahrheit ist immer das, was der Denk-Stil sagt, dass Wahrheit sei. Wie ist es vor diesem Hintergrund möglich, dass man über die Grenzen eines Denk-Stils hinweg wirklich ins Gespräch kommt? Akzeptiert man Feyerabends Gedanken, muss man in Frage stellen, inwiefern das überhaupt möglich ist.

Im Seminar haben wir uns daran anknüpfend Gedanken gemacht, wie man Menschen mit ihren ganz eigenen Erfahrungen verständlich machen kann, dass es andere Menschen mit völlig anderen Erfahrungen gibt. Wie vermittelt man etwa AfD-Anhängern auf verständliche Weise, warum eine Vielzahl deutscher Bürger*innen ihre Begeisterung nicht teilen und wie den Gegnern, dass es triftige Gründe geben kann, sich vom Programm dieser Partei angesprochen zu fühlen? Wie vermittelt man Menschen, die sich mit einer verstärkten Aufnahme von Flüchtlingen unwohl fühlen, die Situation dieser Menschen und wie kann man den Flüchtlingen begreiflich machen, wovor die Einheimischen sich fürchten? In ihrem Kontext betrachtet sind zumindest die Befürchtungen beider Seiten verständlich, auch wenn sich die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird diskutieren lässt. Es braucht einen Raum, in dem einzelne Positionen auf ihre Hintergründe und Ursachen hin befragt werden können; in dem sie zunächst einmal bestehen dürfen, um herauszufinden, ob die gewählte Schlussfolgerung tatsächlich der einzig denkbare und sinnvolle Weg ist, um das erlebte Problem, die Angst oder das Unwohlsein aufzulösen. Wie lässt sich das Blickfeld erweitern und damit das gegenseitige Verständnis erhöhen? Und kann bereits eine solche Ausweitung des Diskurses dazu beitragen, moralisches Bewusstsein zu fördern? Es ist wohl kaum verwunderlich, dass wir diese Fragen nicht beantworten konnten.

In gewisser Weise wurde dieser Gedanke wiederaufgegriffen, als wir uns etwas später der Wahrheit zuwendeten, die gemäß des aktuellen Verständnisses ein entscheidendes – wenn nicht sogar das entscheidende – Kriterium für Wissenschaftlichkeit ist. Wissenschaft sagt uns was wahr ist und vermittelt uns damit Sicherheit; sie ermöglicht es uns, ein paar Fragen mehr nicht zu stellen. In Abgrenzung zu der Art und Weise, wie der Begriff ‚Wahrheit‘  üblicherweise im Zusammenhang mit der Wissenschaft verwendet wird, stand in unserem Seminar die These im Raum, dass Wahrheit dort möglich ist, wo ein Dialograum besteht. (Ich würde den Wahrheitsbegriff gerne durch ‚Übereinstimmung‘ ersetzen, das liegt aber zunächst daran, dass eine gesamtgesellschaftliche Wahrheit meine Vorstellungskraft übersteigt – vor allem unter Berücksichtigung der mannigfaltigen Einflüsse auf das Denken, die wir im Seminar thematisiert haben.)

Nehmen wir also an, dass Übereinstimmung innerhalb eines Dialograums möglich ist. Für diese These gibt es viele Illustrationen sowie Gegenbeispiele. Etwa, dass autoritäre Regimes in der Regel mit Diskursabbruch arbeiten. Schnell kamen wir darauf, dass der Dialograum nur die notwendige, aber nicht die hinreichende Bedingung für die Möglichkeit einer Übereinstimmung ist: Es braucht zusätzlich eine Reflexion darüber, wie innerhalb dieses Raums kommuniziert wird. Oft werden Diskurse beispielsweise mit Begriffen geführt, die für sich genommen nicht reflektiert, sondern einfach verwendet werden. Ist Dialog manchmal nicht mehr möglich, weil er bewusst abgebrochen wird oder ihm Dogmen im Weg stehen und manchmal noch nicht möglich, weil Dinge als selbstverständlich hingenommen werden?

Das war nur ein kleiner Einblick in die Fragen, die wir im Seminar bewegten, und die mich im Hinblick auf die Herbstdialoge bewegen. Diese verbildlichen sich in der abschließenden Bemerkung eines Kommilitonen. Als Essenz von Feyerabends Buch nannte er die immerwährende Bereitschaft miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ist etwas, das wir uns zu Herzen nehmen können – im Seminar ebenso wie in jedem anderen Kontext.

May


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