Wenn ich euch heimlich zusehe

So oft beobachte ich voller Bewusstheit Menschen, die mit anderen Menschen in Begegnung treten. Meine liebsten Einsatzorte sind Ubahnen, Züge, Cafés und diese flüchtigen Begegnungen auf der Straße, im Park. Dabei sprechen sie oder blicken sich nur kurz an. Dabei zeigen sie sich höflich, sie freuen sich, sie sind erregt, erzürnt, ergriffen, teilnahmslos, neugierig, verängstigt, herzlich, verschlossen, hilfserfreut, manchmal sehr schüchtern, manchmal wortlos sehr ungestüm (ich denke an die Sich-Vorbeidrängelnden, deren Ellenbogen zum ungefragten haptischen Erlebnis der eigenen Hüfte werden). Oder die Begegnung wird eine Begegnung der Mimik: zwischen grimmigen, traurigen, erschöpften, fokussierten oder gedankenverlorenen Gesichtern erblickt man manchmal, wie sich zwei Lächeln treffen, einfach so . Ich genieße all diese Augenblicke, wenn Mensch und Mensch in den Dialog treten und ich es schamlos beobachten darf. Man könnte mir blanke Neugier unterstellen, aber ich kann sehr sicher behaupten, dass dies nicht Ausdruck einer gierigen schnüffelnden Nase ist, die wie ein Frosch auf Beutefang nur auf den leisesten Ton, die leiseste Bewegung wartet, um hungrig nach der analog-neuronalen Aufnahme des Gesprächs zweier Wesen meiner eigenen Spezies zu schnappen. Was ich mir hingegen durchaus gefallen lassen muss, ist der Verdacht, ich würde mit einer Art alltags-empirischen Über-Heblichkeit beobachten und urteilen. Warum ich mir das gefallen lassen muss, wenn auch nicht in seiner Wörtlichkeit? Nunja, weil ich in diesem Vorwurf etwas finde, was durchaus zutrifft: ich brenne für qualitative Empirie, teilnehmende Beobachtungen, für Sprache, für Menschen und ihre Geschichten – ihre biographischen sowie die erzählten. An mir sind mindestens eine qualitative Sozialforscherin, eine Anthropologin, eine Therapeutin, eine Kulturwissenschaftlerin und zwei beobachtende Eulen verloren gegangen.

Wer sich allerdings die Mühe machen möchte, mich an einem dieser alltäglichen, zufälligen Einsatzorte einmal zu beobachten, wird vielleicht an mir das ablesen, was ich dabei selbst empfinde: Meist atme und sitze ich ganz ruhig, höre zu, sehe mir wohlwollenden-zurückhaltenden Blickes  die Bewegungen und Augen an und werde stille Teilnehmerin des Dialogs. Meistens erwische ich mich dabei, wie ich ein ganz kleines Lächeln auf meinen lauschenden Lippen spüre. Mich faszinieren die Geschichten, die Gedanken, die Erfüllung von Klischees, das forsche Zerbrechen jeder Mauer aus Vorurteil, die zu Beginn der Begegnung zwischen zwei Menschen stand, dieses winzige Aufblitzen von freudigem Glitzern in den Augen der Beteiligten dieser Begegnung. Macht sie diese kleine unerwartete Begegnung glücklich? Reißt sie dieses kurze Gespräch aus den eigenen Gedanken, die im Stande waren, ihre gewohnten Wege durch den eigenen geistigen Park zu gehen? Der genervte Rückzug in die imaginierte Höhle, wenn das Gegenüber dringend Dialog möchte, er oder sie jedoch lieber die ersehnte Ruhe. Zumindest nicht Smalltalk führen oder eine Reihe von „Also ich sach ja immer“ und „Wenn Sie mich fragen“ in ihrer Köorperhaltung mit „Ich frag dich aber nicht!“ beantworten wollen. Zu beobachten, dass manche Fahrende oder Reisende zu zweit unterwegs sind, dabei einer spricht als hätte man ihm nach Jahren den Korken gezogen und der andere sitzt in tugendhafter Geduld still nickend da. Nun, man weiß nicht, ob er/sie zuhört, aber ich bin fasziniert von dieser stundenlangen Freude oder zumindest Geduld dem Monolog der geliebten Person gegenüber. Manchmal sehe ich Paare, die sich nichts zu sagen haben und ich beginne darüber nachzudenken, wie es wohl ist, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat oder vielleicht noch nie hatte. Entzückt lausche ich den Fragen, die Kinder in Zügen ihren BegleiterInnen stellen. Wie schön es doch ist, die Welt zu entdecken und Fragen zu stellen! Genügend Begegnungen und Gespräche in dunkler Farbe getränkt durch Gewalt, Rassismus oder Sexismus sah ich auch zu Genüge – das soll nicht unerwähnt bleiben bei all meiner Dialogromantik. Natürlich sind es nicht diese letzteren Begegnungen, aber all jene anderen, die mich zum Lächeln bringen. Wir sind so unterschiedlich. Wie wir sprechen. Wie wir denken. Wie wir uns sehen. Wie andere uns sehen. Wie wir uns und unseren Körper ausdrücken. Wonach wir uns in Begegnungen und Gesprächen sehnen, wovor wir zurückschrecken. Die Einzigartigkeit jedes und jeder einzelnen in einer unglaublich beindruckenden Vielfalt wird mir nicht bewusst, wenn ich davon lese oder höre. Sie wird für mich erst spürbar, wenn ich sehe, wie andere miteinander in den Dialog treten, wenn sie streiten, sich sanft am Arm berühren, während sie trösten, laut auflachen und dem anderen dabei auf die Schulter klopfen, schüchtern fragen, ob der Platz neben einem noch frei sei, mit Herzklopfen um ein Rendezvous bitten, hitzige Diskussionen führen, weil sie beide für ihren Standpunkt brennen. Solange wir sprechen, sind wir lebendig. Still zu blicken und zu sehen und zu hören, wie andere in diese Begegnung treten, macht mich lebendig. Die Einzigartigkeit unseres Menschseins und jeder Einzelnen wird so für mich leise und ehrlich spürbar. Seht euch doch manchmal dabei zu, beobachtet bewusst, spürt den eigenen Gedanken dabei nach. Vielleicht lächeln dann auch eure lauschenden Lippen.


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