Provokation der Herbstakademiker

In der Jugendherberge der Cusanus Studierendengemeinschaft, an der Badtür im zweiten Stock, klebte mal ein Sticker, da stand ungefähr das hier drauf:

no sexism
no homophobia
no discrimination
no racism
no capitalism
no discussion

Ich erlebe in zahlreichen Gruppen, die sich selbst als weltoffen bezeichnen, einen krassen Doppelstandard: Auf der einen Seite heißt es, man wolle aus der eigenen links-ökologisch-bürgerlichen Blase heraustreten und mit anderen gesellschaftlichen Gruppen in den Dialog treten, auf der anderen Seite werden dabei allerdings politisch Andersdenkende sehr strikt und systematisch ausgeklammert. Für diese Andersdenkenden gilt: No discussion!

Insbesondere bei linken Gruppen, die sich auf die Fahnen schreiben, niemanden zu diskriminieren, und mit allen über alles reden zu wollen, oder sogar einen Konsens mit allen erzielen zu wollen, wird schnell klar, dass diese Konsensbereitschaft allerdings nicht für politisch Andersdenkende gilt. Wer nicht die Linke wählt, Fleisch aus Massentierhaltung isst, oder zweimal im Jahr im Pauschalurlaub die materiellen Vorzüge des Kapitalismus genießt, wird im links-ökologistischen Weltbild mit dem Stempel „schlechter Mensch“ aber ganz schnell aus dem Dialog aussortiert.

Die Geschichte von der angeblich so weltoffenen Dialogbereitschaft ist allzu oft ein Trugbild. Ja, man will mit Schwulen und Lesben, Migranten, Behinderten und mit Transen reden. Aber diese gesellschaftlich Benachteiligten sind nur ein schöner Schmuck, den man sich anlegt, um allen zu zeigen, wie super integrativ man ist und wie weltoffen und wie bunt die eigene Gruppe. Das ist nur Show. Da ist keine echte Offenheit, kein echter Wille zum Lernen vom anderen, sondern nur allertiefste Borniertheit. Das zeigt sich am Umgang mit Andersdenkenden.

Sobald einer „CDU“ sagt, oder „Marktwirtschaft“, wittert der gemeine Linke sofort den Klassenfeind. Und wenn es zu allem Übel auch noch ein weißer Mann ist, der diese bösen Worte in den Mund nimmt, dann gehen alle Schranken zu. „Check erst mal Deine Privilegien, weißer Mann, bevor Du bei uns mitreden willst!“, ist so ein Satz, den man dann schon mal hören kann. Oder der Klassiker, der Linke zückt seine Bibel und ruft, freundlich-bevormundend: „Lies erstmal diese Einführung in die Kapitalismustheorie, vorher red ich nicht mit dir, weil das musst du erstmal verstehen, bevor es überhaupt einen Sinn hat, sich mit dir zu unterhalten. Wenn du fragen hast, erklär ich es dir auch gerne nochmal.“

Diese in linken Kreisen kultivierte Arroganz und Selbstüberheblichkeit ist verbunden mit der Vorstellung, dass Andersdenkende nur deshalb anders denkend sind, ja, nur deshalb anders denkend sein können, weil sie sich entweder noch nicht richtig informiert haben, also die Wahrheit über unser kapitalistisch-patriarchales Gesellschaftssystem noch nicht kennen (dann gilt es sie zu belehren), oder weil sie sich durch kapitalistische, bzw. patriarchale Privilegien haben korrumpieren lassen (dann gilt es, sie zu bekämpfen). Deshalb sind Andersdenkende für Linke auch keine interessanten Dialogpartner; sie sind entweder uninformierte oder korrumpierte Menschen, und mit solchen Menschen redet man nicht: No discussion!

Ich würde mir sehr wünschen, dass es bei der Herbstakademie nicht zu einer solchen links-ökologistischen Abschottung gegenüber Andersdenkenden kommt. Ich würde mich freuen, auf der Herbstakademie vor allem Leute zu treffen, die erklärte Gegner des links-ökologischen Weltbildes sind, und sich in dieser Position sehr gut artikulieren können. Das wären zum Beispiel Unternehmer, Menschen aus neoliberalen Instituten, Vertreter der Bankenlobby, Politiker aus der CDU, FDP oder der AFD, etc.

Erst dann, wenn solche Menschen auf der Herbstakademie hinreichend Präsenz hätten, würde sich überhaupt die Möglichkeit eröffnen, in eine respektvolle und offene Auseinandersetzung mit dem wirklich Anderen zu kommen. Erst dann könnte sich zeigen, was echter Dialog ist: Der Wunsch, den wirklich anderen zu verstehen, von ihm zu lernen und ein repektvolles Miteinander zu kultivieren.

Solltet ihr unter Dialog dagegen vor allem den Dialog mit gesellschaftlich Benachteiligten verstehen, dann habe ich die starke Befürchtung, dass das Thema Dialog zu so einer seichten Kuschelveranstaltung mit links-ökologistischer Selbstberieselung wird. Dann würde im Hintergrund jedes Vortrages und jedes Workshops die eitle und selbstgefällige Überzeugung schweben: „Überall in der Gesellschaft werden diese armen Menschen ausgeschlossen, aber bei uns finden sie einen Raum. Weil wir so gute und dialogfreudige Menschen sind.

Angesichts einer solchen Weltoffenheit der Cusanus Studierenden könnte man in diesem Fall das eine oder andere Tränchen verdrücken. Der Sticker von der Badezimmertür in der Jugendherberge würde dann recht behalten, dass es no discussion war. Aber hey, wer braucht denn schon echte Diskussion, wenn man doch schon ganz genau weiß, welche die richtigen, guten Werte sind und welche die falschen. Herbst-Monologe“ wäre doch auch ein ganz netter Veranstaltungstitel…


Vielen Dank an Matthias für diesen offenen und direkten Beitrag, aus dem sicher eine Diskussion entstehen kann und wird!


3 Gedanken zu “Provokation der Herbstakademiker

  1. Beim Lesen dieses Artikels entstehen zwei Regungen in mir, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine ist diejenige, die das Gesagte versteht und dankbar ist dafür, dass diese Sicht einen Platz findet. Auch ich kenne das Phänomen, das hier beschrieben wird insofern, dass auch jene Gruppen, die für Vielfalt stehen, doch nur ihren eigenen Habitus generieren möchten und nicht den Austausch zu erkunden und beleben versuchen. Soweit, so gut. Doch genau hier erhebt jene zweite Stimme in mir das Wort, die gerne auf Folgendes aufmerksam machen möchte: Der Wunsch, über den Blasenrand hinaus zu blicken sei ein wohl überlegter und muss auch in seiner Durchführung durchdacht gestaltet sein. Zwei Lager aufzumachen, die in den Austausch kommen sollen, wäre der selbe Gestus wie das erzwungene Benachteiligten-Szenario, das meiner Meinung nach übrigens sehr in Anti-Gutmenschen-Sprech formuliert und dargeboten wird und insofern nicht das trifft, was formuliert hätte werden können, sondern über das Ziel hinaus schießt. Ich halte es für eine brilliante Idee, auf einer Veranstaltung wie den Herbstdialogen den dargestellten Fragen und Frustrationen zu begegnen und sie zu erkunden. Am liebsten mit jenen, die nicht meiner Meinung sind. Vielleicht folgen nun noch Ideen und Denkmöglichkeiten, wie die Akademie diesem „echten Austausch“ gerecht werden kann!

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