Rast und kurzes Gespräch mit einem Baum

Poesieseminar. Die Aufgabe war, in den Wald zu gehen, sich von einem Baum finden zu lassen und mit diesem in Kontakt zu treten.

 „Hi.“
„Hallo.“
„Du stehst bestimmt schon etwas länger hier?“
„Ja, so einige Ringe.“
„Ich weiß gar nicht so genau, was ich sagen soll. Du bist der erste Baum der mich auf ein Gespräch eingeladen hat. Danke dafür auf jeden Fall. Auf dem Weg hier hoch dachte ich erst, dass es schwierig werden würde, sich von einem Baum finden zu lassen.“
„Was du nicht sagst, auf solche Ideen ist bisher keiner bei mir gekommen. Es sah auch ziemlich witzig aus, wie du hier den Berg hochkamst… Ich meine, es laufen immer wieder mal ein paar Gestalten hier rum. Du hast zwar nichts gesucht — Bäume hören das, wenn du so etwas denkst — aber jetzt den Platz gefunden. Dachte, ich lade dich mal ein.“

„Wirklich nett, ich hatte es auch schon sehr gut hier bei dir. Gemütlicher Platz, schöne Sonne. Und bequemes Moos an dir. War in Ordnung, dass ich es mir darauf etwas gemütlich gemacht habe, oder? Ist kein Schaden für dich entstanden, nehme ich an. Habe gerade noch kurz ‘drüber nachgedacht, ob es dir schadet, wenn sich beim Hinsetzen etwas Moos löste.“
„Junge, kein Problem, was wächst das wächst. Dich stört es doch auch nicht, wenn deine Haare etwas platt gelegen sind oder sich jemand an deinem Schienbein — oder besser dein Zeh, im Vergleich — anlehnt.“

„Stimmt, ist kein Ding. Hast du einen Namen? Ich könnte dir auch einen geben.“
„Ach komm, ist nett, kannst du aber auch lassen. Ich bin ein Baum und spreche sowieso eine andere Sprache als du. Wenn ich denn überhaupt spreche. Scheißegal, wie ich heiße, da juckt mir der Stamm doch nicht nach.“
„Ja, hast recht. Und, wie ist es so, mal einen Gast zum Plaudern dazuhaben?“
„Gäste kommen und gehen. Bist der erste, der mit mir quatscht.“
„Na immer hin.“

„Warst übrigens sehr höflich. Du hast dir ja schon alles an mir angeguckt. Aber ganz ehrlich: Ich bin ein Baum, kein Keimling. Du musst nicht so supervorsichtig sein.“
„Jaa… Das ist halt meine Art, neue Dinge kennen zu lernen. Und das ist auch besser als wenn ich mit ‘ner Motorsäge vorbeigekommen wäre.“
„Wirst du jetzt frech?“
„Ein bisschen vielleicht?“
„Hahaha… guter Mann. Sahst gar nicht so aus wie ein Spaßvogel, eher wie einer von diesen inbrünstigen, naturgeilen Studenten.“
„Sag mal, für einen Baum hast du ja echt einige Sprüche parat. Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, sahst du aber auch aus wie eine taubstumme Eiche.“
„Jaja, auf die inneren Werte kommt es an. Lass dir das sagen, du Zweijahrzehnt.“
„Du bist im Verhältnis aber auch nicht viel älter. Merkt man auch an deinen Powersprüchen. Dann haben sich hier ja auf jeden Fall die Richtigen getroffen.“
„Wärst lieber bei einer schlanken Birke, was? Hahaha!“
„Ne, ne, ist mir schon ganz recht hier, Brudi… Okay, ich verabschiede mich jetzt mal, es wird langsam unbequem. Einen guten Tag dir noch, lass dir ordentlich Sonne auf die Blätter scheinen.“
„Alles klar, Kollege, machs gut! Komm den Hang heile wieder runter.“
„Mache ich! Ciao!“
„Ciao!“


Vielen Dank für deinen Beitrag, Hannes!


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