Gedanken zum Dialog und den provokanten Herbstakademikerinnen

Die folgenden Gedanken aus der Feder unserer Mitstudentin Tanja haben uns heute erreicht. Sie nimmt damit unter anderem Bezug auf die Provokation der Herbstakademiker, einen Blogbeitrag der letzten Wochen. Vielen Dank dafür! 

Ich bin vor kurzem in den Genuss eines Seminars namens „Kunst des Dialogs“ gekommen. Kennengelernt habe ich dabei ‚Miteinander Denken – das Geheimnis des Dialogs‘ von Martina und Johannes Hartkemeyer und Freeman Dhority. Aufbauend auf dem dialogischen Prinzip von Bohm, formulieren sie sieben Prinzipien einer dialogischen Haltung: Radikaler Respekt vor dem Gegenüber. Generatives Zuhören. Vom Herzen sprechen. Annahmen und Bewertungen in der Schwebe halten. Die Haltung einer Lernenden einnehmen. Langsamkeit. Produktiv plädieren.

Ein Gespräch über und Annäherung an jedes einzelne dieser Prinzipien scheint vielversprechend, soll an dieser Stelle aber nicht geschehen. Ich will mir die Prinzipien des „Radikalen Respekts“ sowie „Annahmen und Bewertungen in der Schwebe halten“ als Prinzipien einer dialogischen Haltung heraus greifen und hoffe damit ein paar Gedanken zur Frage nach der Dialogfähigkeit der linken Bewegung beitragen zu können.

Radikaler Respekt vor dem Gegenüber bedeutet für mich den Menschen gegenüber als gewordene Person anzuerkennen und mich darauf einzulassen einen Perspektivwechsel zu vollziehen, um dieses Geworden sein zu verstehen: Welche Erfahrungen hat der Mensch gemacht? Mit welcher Brille blickt er oder sie auf diese Welt?

Dabei kann ich aber trotzdem stets nur eine „Spur“ der Anderen erkennen, wie es auch der jüdische Philosoph Emmanuel Levinás in seinem Aufsatz ‚Die Spur des Anderen‘ beschreibt. Denn am Ende bleibt das Gegenüber fremd, verborgen und ich kann nur die Erscheinung der Anderen im jetztigen Moment wahrnehmen. Ich nehme eine gegenwärtige Spur wahr, die lediglich auf vergangene Erlebnisse und zukünftige Potentiale hindeutet. Diese Spur nehme ich aus meiner eigenen Brille wahr. Jeglichen anderen Anspruch das Gegenüber zu durchschauen und zu verstehen, empfinde ich als eine anmaßende Haltung und führt meiner Meinung zum ganzen Gegenteil eines radikalen Respekts vor dem Gegenüber.

Will ich in diesem Dialog nun auch Annahmen und Bewertungen in der Schwebe halten, verstehe ich darunter, meine eigenen direkten Reaktionen auf Gehörtes und Gesehenes im ersten Schritt wahrzunehmen, um sie dann aber zurückzustellen und sie in dieser „Schwebe“ zu beobachten. Woher kommen meine eigenen Bewertungen? Wie kann ich diese dem Gegenüber, der/die auch nur eine Spur in der Gegenwart von mir wahrnimmt, möglichst nachvollziehbar machen? Nach einem solchen Reflexionsprozess können diese Bewertungen sowie deren zugrunde liegenden Werte und Erfahrungen in den Dialograum zurück getragen werden – mit vielleicht etwas mehr Aussicht auf ein Gehörtwerden und einem sich Begegnen-können.

Dieser optimale Dialograum erfordert allerdings ein vollkommenes Vertrauen in das Gegenüber. Begreift man wie Levinas eine Begegnung als „Bewegung hin zum Anderen, die das Selbst verändert und damit einen Aufbruch ohne Wiederkehr zum ursprünglichen Selbst markiert“ (Levinas 2015, S. 215), wird deutlich, dass ein solches Einlassen immer eine Verletzlichkeit bedeutet. Es braucht darum ein Vertrauen, dass im Raum, in dem man sich befindet, der oben beschriebene radikale Respekt vorherrscht. Das Gegenüber sollte imstande sein, von eigenen Normen zu suspendieren und auch der eigenen Norm nicht entsprechende Haltungen, Taten, Werte nicht als Anlass für verbale oder physische Gewalt zu nutzen.

Doch woher stammt diese Sicherheit mit einem diesem Grundvertrauen in einen solchen Dialog zu treten? Und damit sind wir bei den in „linken Kreisen“ – meiner Meinung nach zurecht – diskutierten Privilegien angelangt. In einer seit Jahrhunderten als gesellschaftlich normal anerkannten Position zu sein, macht es deutlich einfacher mit diesem Grundvertrauen in einen Dialog zu treten und diese Begegnung zuzulassen. Es gibt Menschengruppen, die eine geschichtlich strukturelle Diskriminierung hinter sich haben und/oder noch haben. Der Paragraph §175 des deutschen Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte – war zwei Jahrzehnte lang als unveränderte Fassung aus dem Nationalsozialismus im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik verankert. Nach zwei Reformen in 1969 und 1972, wurde der §175 erst im Jahr 1994 endgültig abgeschafft. Europas Kolonialmächte klassifizierten Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Aussehen in verschiedene Rassen und schrieben diesen eine Minderwertigkeit zu. Frauen waren Jahrtausende lang aus der politischen Sphäre ausgeschlossen und verdienen in Deutschland laut einer Studie aus 2016 auch heute noch 21% weniger als ihre männlichen Kollegen.

Mir ist bewusst, dass dies nicht mehr als Blitzlichter sind und jeweils Gegenstand eines separaten Dialogs sein sollten. Die Diskriminierungs- und Bewegungsforschung hat dafür gute und lesenswerte Grundlagen gelegt. Den Gedanken, den ich hier einbringen will, ist, dass die Teilnahme an einem Dialog stets in einem historisch-gesellschaftlichen Kontext steht. Und in genau diesem Kontext gibt es Gruppen, die seit Jahren strukturell ausgegrenzt wurden und werden. Für dieses historische Geschehen und die Wirkungen bis in die heutigen Tage eine Aufmerksamkeit und Sensibilität zu haben, würde ich darum in keinem Fall als „schönen Schmuck“ bezeichnen.

Grundsätzlich mag eine Einteilung und Kategorisierung in Gruppen in einer Begegnung und Dialog vielleicht hinderlich sein, weil es die Möglichkeit bietet sich hinter diesen Kategorien und Zugehörigkeiten zu verstecken. Gleichzeitig dienten und dienen aber genau diese Grenzen, die dadurch zwischen gesellschaftlichen Gruppen gezogen werden, als Schutzräume, mit denen auf gesellschaftliche Ungleichheiten hingewiesen werden kann. Erst ein Zusammenfinden unter einer bestimmten Kategorie ermöglicht es politisch gehört zu werden. Auch dafür gibt es genügend historische Beispiele, wenn man an die verschiedenen Minderheitenbewegungen denkt.

Die zentrale Frage für die anstehenden Herbstdialoge ist damit für mich letztendlich: Wie können wir einen wirklichen Dialog- und Vertrauensraum schaffen?

Ich vermute, wir müssen uns als sehr beweglich im Denken beweisen. Auf der einen Seite ist eine Auseinandersetzung mit Kategorien und Zugehörigkeiten enorm relevant, weil diese eine gesellschaftliche Relevanz haben, welche wir nicht verneinen können. Dazu gehört für mich sowohl eine Auseinandersetzung mit den Anliegen diskriminierter Minderheiten und damit seinen eigenen Privilegien in Dialogräumen als auch eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung mit zugrundeliegenden Normalitäten und Praktiken der links-ökologischen Bewegung. Genau dies kann die Grundlage für einen Raum zu legen, in dem ein tatsächlicher Dialog möglich ist.


6 Gedanken zu “Gedanken zum Dialog und den provokanten Herbstakademikerinnen

  1. Begegnung mit dem weißen Mann

    herzlichen Dank für Deinen Beitrag, der mich sehr zum Denken angeregt hat. Es haben vor allem zwei wesentliche Punkte Deines Beitrages starke Reibung erzeugt, die ich hier teilen möchte.
    Hierzu möchte ich gerne alle von Dir genannten Aspekte der dialogischen Haltung ganz brachial unter dem Begriff der „Offenheit“ zusammenfassen, einfach weil das die Sache vereinfacht und die nötigen Ausführungen verkürzt.

    Befragen wir Martin Buber, dann erfahren wir Begegnung als ein gegenseitiges Phänomen, welches sich im Bereich des „Zwischen“ zweier Lebewesen abspielt. Dieser Bereich des Zwischen kann sich allerdings nur bei gegebener Offenheit der Beteiligten öffnen. Die Öffnung der Beteiligten kann wiederum nur in einem gewaltfreien Umfeld geschehen.
    Dieser gewaltfreie Umraum ist allerdings einer, mit dem alle im Patriarchat Aufgewachsene (auch weiße Männer) nur sehr kümmerliche Erfahrung haben. Aus diesem Grund widerspreche ich Deiner folgenden Aussage:

    „Doch woher stammt diese Sicherheit mit einem diesem Grundvertrauen in einen solchen Dialog zu treten? Und damit sind wir bei den in „linken Kreisen“ – meiner Meinung nach zurecht – diskutierten Privilegien angelangt. In einer seit Jahrhunderten als gesellschaftlich normal anerkannten Position zu sein, macht es deutlich einfacher mit diesem Grundvertrauen in einen Dialog zu treten und diese Begegnung zuzulassen.“ [Fett-Hervorhebung von mir, Unterstrichen- von Dir]

    Die Kindheitsforscherin Alice Miller gelangt in ihren Büchern über viele verschiedene Wege immer wieder zur Erkenntnis: Im Patriarchat, in unserer Gesellschaft, werden alle Kinder (auch und gerade männliche Kinder) gewalttätig erzogen. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass die weißen, männlichen Opfer aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen und ihres besonders starken Leidensdrucks im Erwachsenenalter häufiger (aber nicht immer!) selbst zu Unterdrückern werden, weshalb sie dann die scheinbar starke Position der Mächtigen inne haben. Diese äußerliche Machtposition verleitet viele zu der Annahme, weiße Männer könnten besonders gut ihre Bedürfnisse durchsetzen. Das ist eine Illusion. Die meisten weißen Männer spüren ihre Bedürfnisse nicht einmal, haben nicht einmal Zugang zu den basalen Emotionen wie Trauer und Freude und den entsprechenden Praktiken wie Weinen und herzhaftes Lachen. Zu arg sind ihre seelischen Verstümmelungen.

    Die seelische Not und Armut des mit Mitteln der Gewalt erzogenen Kindes, wie sie für alle Kinder des Patriarchats charakteristisch ist, kann im späteren Lebensverlauf durch Herrschaftsausübung niemals aufgehoben werden. Die Ermordung von Millionen Juden kann der gedemütigten und hassvollen Seele des geschlagenen Kindes in Adolf Hitler immer nur kurzfristig „Linderung“ verschaffen; der die Gewalt erzeugende Hass bleibt dabei doch notwendig unersättlich, solange er nicht dorthin gerichtet wird, wo er hingehört, nämlich zu den Demütigern der Kindheit. Das sind eben leider in den meisten Fällen die eigenen Eltern, und das macht diese Rückwendung des Hasses so schwer, weil das geschlagene Kind nicht ohne die Illusion wohlmeinender Eltern leben kann und deshalb die Akte seelischer Verstümmelung durch die Eltern nicht erkennen darf. Die entsprechenden Bewusstseinsinhalte liegen überdies auch nur verdrängt vor, sind also schwer zugänglich. Unsere eigenen „Erzieher“ als unsere Demütiger zu erkennen, ist die alles erschütternde Aufgabe, wollen wir den Ursprung der Gewalt verstehen.

    Die „Fähigkeit mit diesem Grundvertrauen in einen solchen Dialog zu treten“, wie Du schreibst, wird durch die Unterdrückung bei allen Kindern zerstört. Wenn überhaupt eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe im Patriarchat besonders herausragende Probleme damit haben sollte, „mit diesem Grundvertrauen in einen Dialog zu treten und diese Begegnung zuzulassen“, dann sind es gewiss gerade weiße Männer. Schließlich sind sie es, die als Rollenvorbild nur die Rolle des Unterdrückers zur Verfügung haben, während Frauen oder andere Unterdrückte immerhin untereinander herrschaftsfreie Beziehungen gestalten können. Weiterhin sind es die heranwachsenden weißen Männer, die die Rolle des Patriarchen besonders gefährden. Deshalb müssen männliche Kinder auch von Anbeginn an besonders effektiv verstümmelt werden, die Herrschaft muss gegenüber männlichen Kindern besonders ausgeprägt sein, die Gewalt besonders tief durchschlagen.

    Das äußert sich in der „Erziehung“ von männlichen Kindern immer noch in Aussprüchen wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, oder „ein echter Kerl weint nicht“, oder „das wird mal ein starker Mann“. Dass männliche Kinder häufiger und systematischer geschlagen werden als weibliche und, entgegen früheren Annahmen, ebenso oft Opfer sexuellen Missbrauchs werden, ist nach meinem Kenntnisstand heute in Fachkreisen Konsens. Gerade den männlichen Kindern wird unter dem Deckmantel der Erziehung die für den Patriarchen gefährliche Lebendigkeit besonders früh und gründlich ausgetrieben!

    Es ist doch kein Zufall, dass die herausragenden Unterdrückerrollen in unserer Gesellschaft immer wieder in erster Linie von Männern eingenommen werden. Vor allem die Männer sind in unserer Gesellschaft derart tief geschädigt, dass sie immer wieder in diese Unterdrückerpositionen drängen, um in dieser gesellschaftlich anerkannten Rolle die Möglichkeit zur Abreaktion des Hasses an den von ihnen Unterdrückten praktizieren zu können. Warum? Weil sie sich für unwert und unfähig für die echte, vertrauensvolle und offene Beziehung halten, bzw. weil sie nicht einmal wissen, was das ist, können sie die Erfahrung des Eingebundenseins, der eigenen Bedeutsamkeit, der Resonanz, die doch für uns Menschen überlebenswichtig ist, nur auf solch perverse Weise aktualisieren.

    Die Gewalt ist in die Seelen der Unterdrücker stärker eingeschrieben als in jene der Unterdrückten. In der Weitergabe der Gewalt, in der gewaltvollen Handlung, wird die Gewalt zu einem integralen Teil des Selbstbildes, während sie in der Situation der Unterdrückung mindestens potentiell von Erwachsenen (nicht von Kindern!) als äußerlicher Prozess, der nichts mit dem Selbst zu tun hat, erkannt werden kann.
    Diese Erkenntnis hat schon Platon im Gorgias auf den Punkt gebracht: „Unrecht tun ist schlechter als Unrecht leiden.“ Für die eigene Seele, meint Platon.

    Wenn sich Männer in Diskussionen typischerweise häufiger, lauter und streitlustiger äußern, dann geschieht das doch nicht, weil sie ein größeres „Grundvertrauen“ hätten in den „echten Dialog“ zu treten. Sie bleiben bei diesen Äußerungen innerlich völlig abgeriegelt, machen sich nicht verletzbar. Es handelt sich lediglich um Machtstatusaktualisierungen bzw. Egobestätigungen. Also einen Monolog, dem über die äußere soziale SItuation der Anschein, die Illusion eines Dialoges gegeben wird.

    In meiner Erfahrung sind ganz im Gegenteil an jenen Orten, wo die wirklich offenen Räume entstehen, wo echte Dialoge stattfinden, typischerweise nur wenige weiße Männer anwesend, die sich zudem eher zurückhaltend, fast stammelnd, äußern.
    Die gesellschaftlich Unterprivilegierten haben aus meiner Sicht die weitaus besseren Chancen, echte Begegnung zu erfahren. In „Schutzräumen“ können sie in die Begegnung kommen. Wo oder wie sollte sich aber ein solcher „Schutzraum“ auffinden, wenn die Unterdrückung Teil des eigenen Selbstbildes ist, und Du sie somit notwendig an alle Orte mitnimmst, an die Du kommst? Der härteste Patriarch ist in seiner Seele der Ärmste von allen.

    Also alles in allem an dieser Stelle klare Gegenposition: Gerade weiße Männer haben in unserer Gesellschaft typischerweise die größten Schwierigkeiten mit der Begegnung und dem Dialog, und dies aus verständlichen Gründen.

    Weiterhin will ich den Aussagen von Levinás, wie Du sie anführst, mit Nachdruck widersprechen. Du schreibst, Levinás zufolge bleibe der Andere notwendig „fremd“ und „verborgen“; man könne lediglich eine „Spur“ von ihm wahrnehmen, die obendrein auch noch nicht einmal seine gegenwärtige Erscheinung betreffe, sondern lediglich „auf vergangene Erlebnisse und zukünftige Potentiale“ rekurriere.

    Gewiss, dass mir der Andere fremd und verborgen bleibt und ich ihm im Hier und Jetzt nicht begegnen kann, sondern ihn nur aus seiner Geschichte heraus analysiere oder auf seine Zukunft hin einschätze, das ist für die meisten von uns der Normalfall. Warum? Weil überall um uns und in uns die Gewalt herrscht, die arché, wie Brodbeck es nennt, das soziale Herrschaftsverhältnis, welches Öffnung verhindert und damit auch Begegnung. Die meisten Tatbestände der Gewalt erkennen wir gar nicht mehr, weil sie so alltäglich sind. Die Demütigung, das „Aufziehen“ des Anderen sind ja „nur ein Spaß“, sie sind „ja nicht bös gemeint“, wie die Ausführer solcher alltäglicher Praktiken uns weismachen wollen.

    Doch diese unsere Situation ist nicht unveränderlich. „Am Ende bleibt das Gegenüber fremd.“, so referierst Du Levinás. Levinás möchte uns anscheinend sagen (freilich nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Ignoranz), dass das letzte Wort gesprochen ist: Am Ende siegt die Einsamkeit über die Beziehung. Welch eine traurige, einsame Existenz!
    Diese Position ist nicht nur pessimistisch, sondern extrem gefährlich, wenn Martin Buber recht behalten sollte mit seinem Satz:
    „Nichts kann dem Menschen zum Verhängnis werden, es sei denn er glaubt an sein Verhängnis.“ Wenn wir dem Satz von Levinás Glauben schenken und denken, dass das Gegenüber notwendig fremd bleibt, dass dies unser menschliches Schicksal sei, dann haben wir uns in der Tat selbst in die einsame Wüste verbannt, aus der es kein Entrinnen gibt.

    Ich plädiere dafür, stattdessen, trotz all der Hindernisse, das Vertrauen in die Begegnung und Beziehung neu zu erringen. In der Begegnung, die sich bei beidseitiger Offenheit notwendig ergibt, tritt mir der Andere in seiner gegenwärtigen Erscheinung entgegen. Dabei wächst der geteilte Bereich des Zwischen (wieder Buber), und das zuvor „Fremde“ und „Verborgene“ (Levinás) wird mir in der Gegenwart vertraut. In der Begegnung wird geteilt. Die Einsamkeit ist aufgehoben, das Ego löst sich auf und der „Trenngeist“, wie Nadja Goerz ihn so treffend bezeichnet, wird im großen Lachen als jene Illusion enttarnt, die er in Wahrheit ist.

    Die Vertrautheit, die Beziehung, die Verbindung ist unser natürlicher Daseinsmodus. Dass das Andere sich verbirgt oder fremd wird, kann erst nach einer Schädigung, buddhistisch gesprochen durch „Unwissenheit“, zum gängigen Modus der Existenz werden. Nach einer Beseitigung der Täuschungen, Betrauerung der Schädigungen, tritt hingegen der natürliche Modus der Verbundenheit neu in die Existenz.

    „Am Ende“ bleibt das Gegenüber also gerade nicht fremd, wie Levinás ja nach Deiner Schilderung zu sagen scheint. Früher oder später, und sei es erst im Sterbebett, hat ein jeder Mensch, und wenn er noch so tief verstrickt ist, von der Einsamkeit, der Gewalt und der Täuschung genug! Er wird „umkehren“ (noch so ein Buber-Begriff), und in dieser öffnenden Umkehr wird die Beziehungskraft neu auferstehen, die Sphäre des Zwischen neu in die Existenz treten.

    Am Ende, wie auch am Anfang, steht die Verbundenheit. Dies ist die Hoffnung, die wir nicht aufgeben dürfen, wollen wir nicht der empfundenen Sinnlosigkeit der Existenz, wie sie für die Postmoderne so typisch ist, verfallen. Wann, wo und wie wir zur Verbundenheit umkehren, sind aus meiner Sicht die entscheidenden Fragen menschlicher Existenz.

    Diese Fragen sind natürlich für jene Menschen, die in einem Umfeld der Demütigung aufgewachsen sind, was in unserer Gesellschaft leider fast alle sind, keine leichten. Die Umkehr ist immer mit immensen Leiden verbunden.

    Weiße Männer, um den Bogen zu schließen, müssen allerdings nach meiner Erfahrung um die Hoffnung auf Verbundenheit am härtesten ringen. Und sie müssen am schwersten leiden, sollten sie sich entschließen, sie in der Existenz aktualisieren zu wollen. Weil der Schaden bei ihnen am größten ist. Dafür will ich als weißer Mann kein Mitleid. Auch keine Häme. Ein bisschen Verständnis wäre nice, vielleicht sogar Mitgefühl, aber genau da hakt es ja, oder etwa nicht?

    Auf jeden Fall hakt es am Mitgefühl im linken Diskurs, der sich immer nur um Äußerlichkeiten dreht und da natürlich völlig korrekt feststellt, dass es eine riesen sexistisch-rassistisch-kapitalistische Kackscheiße ist, dass es immer weiße Männer sind, die am Ende bestimmen was passiert. Ja, völlig richtig, aber wiese läuft das denn so, was sind denn die innerlichen Dynamiken dahinter?

    Eine Linke sagte mir einmal, ich sei halt ein weißer privilegierter Mann und könne deshalb die Situation der Unterdrückung gar nicht verstehen. Das ist das Paradebeispiel eines sexistischen diskriminierenden riesen Kackscheiße Arschloch-Satzes.
    Dass wir weißen Männer von Anfang an besonders hart und gefühllos „erzogen“ werden, dass deshalb einige wenige Arschloch-Kollegen von mir keine andere Möglichkeit mehr sehen, als den aufgestauten Hass an anderen in neuen Gewaltakten abzureagien, das kann natürlich auch sehr gemütlich ignoriert werden.

    Für die Situation des weißen Mannes gibt es im linken Diskurs kaum bis kein Verständnis oder Mitgefühl. Er ist der Böse, der Quellpunkt des Übels. Ich halte den linken Diskurs an dieser Stelle für sexistisch und verlogen. Einer der vielen Gründe, weshalb ich nicht mehr links bin.

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    1. Die Provokation ist geglückt. Nach der „Provokation der Herbstakademiker“ (22.6.) und der Antwort auf die „Gedanken zum Dialog und den provokanten Herbstakademikerinnen” (20.7.) wollte ich nun ein paar Gedanken teilen, die sich vor allem auf den hiesigen Kommentar beziehen:

      Ausschlagend für meine Reaktion ist sicher die seltsame Verklärung der „weißen Männer“ zu Opfern, deren Handlung psychologisch mit den „seelischen Verstümmelungen“ erklärt wird, die sie in der gewalttätigen Erziehung des Patriarchats erfahren haben. Natürlich müssen wir im Blick behalten, wie die gewachsenen Strukturen unserer Gesellschaft zu dem Patriarchat geworden sind, das Du beschreibst. Und welchen Stellenwert Erziehung, Rollenbilder und Erwartungen für diese „innerlichen Dynamiken“ haben, wie du sie beschreibst.

      Doch entscheidend ist für mich, dass die (Suche nach einer) Erklärung für diskriminierendes Handeln keine Entschuldigung sein kann. Es geht nicht darum, Personen zu verurteilen, sondern konkrete Handlungen in konkreten Situationen. Ja, wir alle tragen einen Rucksack von Erfahrungen, Prägungen, vielleicht auch Traumata und „seelische Not und Armut“ mit uns herum. Doch wenn wir dem Menschen eine minimale Freiheit im Handeln zugestehen – und das ist eine Bedingung der Möglichkeit von Dialog – können und müssen wir auch verlangen, dass Menschen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

      Ob sie dabei ihre Bedürfnisse oder ihre Interessen durchsetzen oder nur aus seelischer Not und Armut handeln, ist für diese Frage kaum relevant. Vor Gericht wird die psychische Verfassung des Täters*der Täterin beim Urteil mitgedacht und fließt ggf. in Form von mildernden Umständen ein. Doch das spricht die angeklagte Person nicht von ihrer Schuld frei. Und auch hier wird die Handlung verurteilt, nicht der Mensch an sich – auch wenn das in der medialen Hysterie gerne mal verschwimmt.

      Du beschreibst die „Äußerlichkeiten“ unserer Gesellschaft als „riesen sexistisch-rassistisch-kapitalistische Kackscheiße“ und stellst fest „dass es immer weiße Männer sind, die am Ende bestimmen was passiert“. Ich lese das als Kritik an patriarchalen, rassistischen, sexistischen, kapitalistischen Herrschaftsstrukturen und gehe da größtenteils mit. Deine Frage nach dem Warum, die Untersuchung der „innerlichen Dynamiken“, welche dieses System reproduzieren, ist für mich aber nur ein erster Schritt. Es kann die Frage nach dem Wie kann es anders gehen? nicht ersetzen. Und auch die Frage der Verantwortung für das eigene Handeln nicht.

      Du weist zurecht darauf hin, dass „im Patriarchat Aufgewachsene […] nur sehr kümmerliche Erfahrung“ mit einem gewaltfreien Umraum haben. Ich denke: Unsere Gesellschaft ist tatsächlich durchzogen von zahlreichen Formen der Gewalt: physischer, verbaler, struktureller, institutioneller, u.a. Wir können den gesellschaftlichen Kontext und dessen Machtstrukturen daher nicht ausklammern, wenn wir „Begegnung“ oder „Dialog“ ermöglichen wollen. Begegnung findet eben nicht nur in einem „Zwischen“ der sich Begegnenden statt, sondern immer auch auf dem Boden der gesellschaftlichen Realitäten. Und Privilegien gehören zu diesen Realitäten, selbst wenn Du meinst, dass auch die Privilegierten unter dieser Rolle leiden. Ich meine, dass wir unsere Privilegien nutzen sollten, um gegen sie zu arbeiten.

      Die Klage über einen Mangel an „Mitgefühl im linken Diskurs“ ist für mich schwer nachvollziehbar. Vermutlich beziehst Du Dich auf Erfahrungen mit Menschen, die Du als links bezeichnest. Denn wie soll ein Diskurs Mitgefühl für die seelische Not der Handelnden zeigen? Eine Analyse von möglichen Ursachen muss keine Gefühle zeigen, denke ich. Menschen sollten das. Und das ist für mich der Kern emanzipatorischer (oder von mir aus: linker) Politik. Denn was ist die Forderung von Verteilungsgerechtigkeit und Gleichberechtigung anderes als ein Ausdruck von Mitgefühl für die deprivilegierten Teile unserer Weltgesellschaft?

      Ich möchte daher wirklich gerne verstehen, was du mit dem „linken Diskurs“ meinst. Denn dieser ist so vielfältig wie nie, „[wo] doch linke Akteure und Aktivitäten, Narrative und Theorien, Ziele und Strategien so unendlich divers sind, dass man seit Jahrzehnten an den in diesem Milieu immer wieder lustvoll inszenierten Grabenkämpfen und Spaltungstendenzen schier verzweifeln mag. Und auf der Linken selbst die immer unübersichtlicher wuchernden, teils kritisch aufeinander bezogenen, teils einander souverän ignorierenden Theorie- und Konzeptdebatten eigentlich von niemandem mehr intellektuell zu durchdringen sind“ (Stephan Lessenich in seinem Beitrag „Warum es eine Linke braucht“).

      Wenn links sein bedeutet, mein Handeln nach emanzipatorischen Idealen auszurichten, bin ich von ganzem Herzen links. Und wenn ich dich richtig verstanden habe, wärst du es dann sogar auch.

      Du fragst, „Wo oder wie sollte sich aber ein solcher ‚Schutzraum‘ auffinden, wenn die Unterdrückung Teil des eigenen Selbstbildes ist, und Du sie somit notwendig an alle Orte mitnimmst, an die Du kommst?“ Ich gehe auch hier davon aus, dass wir nicht von unserer Vergangenheit gesteuert werden. Das Selbstbild ist also nicht in Stein gemeißelt. Wenn wir die Idee eines „freien Willens“ nicht komplett aufgeben wollen, müssen wir dem Menschen zugestehen, sich selbst reflektieren und selbst-bewusst handeln zu können. Ich verstehe die Herbst-Dialoge – wie auch das Studium an der Cusanus Hochschule – als einen Raum, der eine solche Reflexion ermöglicht bzw. ermöglichen sollte.

      Es gäbe noch viel zu sagen – zum Beispiel auch, wo ich mit Dir übereinstimme. Doch für eine erschöpfende Rückmeldung fehlt mir nun die Zeit und Kraft. Es bleiben also offene Enden – ich bin gespannt, ob und wie sie in einem „echtem Dialog“ münden!

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  2. Hey Alex,

    dass du meinen Text als „seltsame Verklärung der weißen Männer zu Opfern“ liest, überrascht mich. Das wollte er gar nicht sein, also da gab es wohl leider ein Missverständnis.
    Mit meiner Aussage, dass jeder Gewalttäter notwendig ehemaliges Opfer ist, wollte ich lediglich eine Feststellung vornehmen, damit waren von meiner Seite überhaupt keine moralischen Fragen, schon gar nicht „Verklärungen“ verbunden. Aber ich freue mich, dass Du die Frage nach der moralischen Schuld in das Gespräch trägst und stimme Dir da auch in allem was du sagst voll und ganz zu.

    Da ich mir wegen dieses Missverständnisses nicht ganz sicher bin, ob mein Argument richtig angekommen ist, möchte ich es noch mal ganz kurz schematisch vorbringen:

    Prämisse 1: Je seelisch erfüllter ein Mensch ist, desto eher kann er anderen in Offenheit gegenüber treten und desto tiefere Begegnung und wirklicheren Dialog kann er erfahren.
    Prämisse 2: Die Erziehungspraktiken im Patriarchat sind darauf ausgerichtet, bei Kindern seelische Verstümmelungen zu erzeugen. Besonders tiefgreifende seelische Verstümmelungen erfahren allerdings nachweislich männliche Kinder.
    Conclusio: Männer haben im Patriarchat die geringsten Chancen, Begegnung und Dialog zu erfahren.

    Also das ist eigentlich der Hauptpunkt, den ich machen wollte. Jetzt möchte ich gerne noch ein Stück weitergehen.

    Sind es nicht gerade Begegnung und Dialog, die uns glücklich machen, niemals aber die äußeren „Privilegien“ wie Geld, Macht und Status? Es scheint mir so zu sein. Geld, Macht und Status sind aus meiner Sicht nur ein billiger Ersatz, an den sich eine arme Seele klammert, die nicht fähig ist, wirkliches Glück zu erfahren, welches nur die Begegnung und der Dialog ihr bringen können.
    Deshalb ist die Bezeichnung der männlichen Vorherrschaft im Patriarchat als „Privileg“ aus meiner Sicht wenig zielführend. Ich will den Linken gar nicht widersprechen; Sie haben völlig recht: Gemessen an äußerlichen Privilegien sind Männer eindeutig im Vorteil. Doch möchte ich den Linken sagen, dass ich ihre Frage nach solchen äußerlichen Privilegien (heute) falsch gestellt finde.

    Gemessen an den Dingen, auf die es wirklich ankommt, Begegnung, Dialog, Liebe, Glück, Freiheit, sind Männer da denn auch „privilegiert“? Ich denke nein: Im Patriarchat sind es die Männer, die innerlich am heftigsten unterdrückt (unfrei) sind, weshalb sie sich auch so hervorragend eignen, zu äußeren Unterdrückern zu werden.

    Ist es aber nicht gerade die Frage der innerlichen Situation, ob hier Freiheit oder Unterdrückung herrscht, auf die es in unserem Menschsein wirklich ankommt? Falls das so ist, sollten wir dann die Frage nach äußerlichen Privilegien nicht immer an die Frage der innerlichen Situation, die Frage der Freiheit, anbinden? Sodass wir also sagen würden: „Ja, die äußerliche Situation eines Menschen ist wichtig, aber immer nur insofern sie seiner innerlichen Situation dienlich ist?“ Falls wir diese Anbindung vornehmen müssten, was ich denke, dann versagt der linke Diskurs aus meiner Sicht an dieser Stelle grandios, weil er ganz in Äußerlichkeiten verhaftet bleibt.

    Dass der linke Diskurs in Äußerlichkeiten verhaftet bleibt, ist kein Zufall. Karl Marx war ein knallharter Materialist, ihn haben ausschließlich Äußerlichkeiten interessiert. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Das ist Marxens fundamentaler Glaubenssatz, unter dessen Einfluss der linke Diskurs bis heute steht. Aus linker Sicht ist das Innerliche, das „Bewusstsein“, nichts weiter als ein Abfallprodukt des Äußeren, der gesellschaftlichen Verhältnisse. Deshalb kann Adorno auch diesen schrecklichen Satz sagen, dass es kein richtiges Leben im Falschen gäbe.

    Ich halte diese Sichtweise für fatal. Wenn unser Innenleben tatsächlich von unserer äußeren Situation determiniert wäre, dann gäbe es in der Tat keine menschliche Freiheit. Genau das denkt Marx. Er behauptet ja mit seinem historischen Materialismus sogar, er könne die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklungen voraussagen (!) Die historische Entwicklung funktioniert nach Marx quasi naturgesetzlich, wir haben also nach seiner Ansicht keinen Funken Freiheit, Gesellschaft selbst zu gestalten. Und Marxens Materialismus ist, zumindest nach meiner Erfahrung, bus heute alive and well im linken Diskurs.

    Ich verstehe also nicht ganz, weshalb Du mir Deine kritische Freiheitsfrage stellst. Ich würde sie auf obigen Gründen gerne an die Linken weiterreichen, wenn Du einverstanden bist.

    Weiterhin möchte ich auf meiner Aussage beharren, dass es im linken Diskurs kein Mitgefühl geben kann. Mitgefühl kann ja nur entstehen, wenn wir uns in die innerliche Situation eines anderen Wesens hineinversetzen. Genau das tut der linke Diskurs aber nicht, da er, spätestens seit Marx, nur noch auf Äußerlichkeiten blickt und sich nur um äußerliche „Privilegien“ kümmert.

    Anders als Du meine ich, dass ein Diskurs sehr wohl von Mitgefühl geprägt sein kann.
    Existenzieller Diskurs, verstanden als die Beteiligten veränderndes Gespräch, als Spiel von Frage, Antwort, und Gegenfrage in Verbundenheit, kann gar nicht ohne dieses Mitgefühl funktionieren! Für eben jenen existenziellen Diskurs interessiere ich mich und in ihn möchte ich treten. Deine Darstellung von Diskurs als rein sachliche, neutrale Analyse, weise ich deshalb weit von mir. Nicht nur Menschen können Mitgefühl haben, es kann auch in ihren diskursiven Praktiken präsent sein!

    Es gibt allerdings natürlich auch solche Diskurse, wie Du sie beschreibst, in denen Sprache ein reines Analyseinstrument ist und kein Mittel zur Begegnung, in deren Praktiken gerade kein Mitgefühl gegeben ist. Ein herausragendes Beispiel dafür ist aus meiner Sicht der linke Diskurs, da er, spätestens seit Marx, in materialistischen Äußerlichkeiten verhaftet ist, und die Frage nach der Innerlichkeit der am Diskurs Beteiligten ausblendet.

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  3. Lieber Matthias, Tanja und Alex,
    danke für eure interessante Diskussion!
    Hier nur einige kurze Gedanken von mir:
    – ich finde, ihr macht alle einen Punkt. Ich verstehe Matthias Impuls und glaube auch, dass im Sinne eines existenziellen Gleichgewichts Männer ebenso unter den Strukturen leiden wie Frauen. Unterdrücken oder unterdrückt werden bedeutet in beidem Fall Freiheit und Unfreiheit zugleich. Ich als Frau finde es eine Freiheit, Schwäche gesellschaftlich zeigen zu können, weil es mir erlaubt, mich schneller auf das Wesentliche konzentrieren zu können, in anderen Situationen beschränkt mich meine „geschlechtsspezifische“ Rolle und die unsichtbaren Erwartungen an sie natürlich.
    – trotzdem folgt daraus nicht, dass männliche, weiße Menschen für Menschen mit anderen Eigenschaften stellvertretend sprechen können. Es folgt auch daraus, dass systematisch die Entscheidungsmacht, Gestaltungskraft und Mitbestimmung der bisher darin Benachteiligten ausgebaut werden muss, um Vielfalt sichtbar zu machen.
    – angestrebte Macht und Status sind nicht bloß „armer Ersatz“, das, was wertvoll an ihnen ist, ist die Kraft und Freiheit, das Eigene zu entfalten und die Gemeinschaft damit zu bereichern. Wir brauchen uns dieser Energien nicht unnötig berauben, es kommt nur darauf an, sie nicht gegeneinander einzusetzen und sie im Gleichgewicht zu halten und sie allen zuzugestehen – auf den verschiedensten Ebenen, jeder/m nach seiner Art.
    – der Diskurs um „links“ vs. „nicht-links“ interessiert mich nicht, weil er für mich reine Kategorienbildung ist, in der man sich verrennt. Marx war eine historische Person, die über Hegel nachgedacht und dann Texte geschrieben hat, die viele Generationen beeinflusst haben. Man sollte ihn und diese Entwicklungen kennen, aber dann kann er auch mal irgendwann als Schubladenlieferant Feierabend machen. Es braucht eine neue, transzendentere, zeitlosere Sprache, durch die wir uns auf einer existenzielleren Ebene begegnen und austauschen können. Vielleicht hilft uns unser cusanisches Umfeld ja, sie zu finden.

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  4. Danke für Deinen Beitrag, den ich sehr bereichernd fand.
    Wo ich nicht mitgehe ist Deine Aussage, dass Unterdrücken und Unterdrücktwerden Freiheit und Unfreiheit zugleich bedeuten. Ich würde gerne die klassische Position dagegen stellen, dass Unterdrückung immer mit Unfreiheit zusammen kommt.

    Ich stimme voll zu in letzterem Punkt, dass die Aufgabe darin besteht, die Divergenzen respektvoll anzuerkennen und sie im existenziellen Dialog zu einem fruchtbaren Nährboden für das persönliche Wachstum aller Beteiligten zu verwandeln. Also genau das interessiert mich auch. Und ich stimme auch zu: Mich persönlich interessiert der Diskurs um Links oder Nicht-Links genauso wenig wie Dich. Also ich wünschte, wir könnten diesen anstrengenden Diskurs heute beenden und direkt in den existenziellen Dialog einsteigen.

    Nur geht das nicht so einfach, falls ich recht habe und die linke Weltanschauung gerade ein Hindernis für den existenziellen Dialog darstellt. Dann können wir leider nicht umhin, uns dieses Hindernis genauer anzuschauen, wenn es unser Ziel ist, in den existenziellen („transzendierenden“, wie Du sagst) Dialog einzutreten. Ignorieren wir es, dann wird das Hindernis sich zu einem späteren Zeitpunkt auf schlimmere Weise manifestieren.

    Ich habe mich in meinem Leben in vielen gesellschaftlichen Gruppen bewegt. Ich bin in linken Gruppen groß geworden, habe später auch in liberale, libertäre, konservative, christliche und buddhistische Kontexte hereingeschnuppert.

    In den meisten Gruppen ist mir enorme Toleranz und Wille zum Dialog begegnet, die ich sehr inspirierend fand. Da war ein ehrliches Interesse am Anderen da und Respekt für die andere Position. Diese große Dialogbereitschaft fiel mir vor allem deshalb so stark auf, weil ich daran schmerzhaft erkennen musste, dass die Toleranz gegenüber Andersdenkenden in den linken Gruppen aus denen ich kam offensichtlich im Vergleich sehr niedrig war.

    Das erscheint mir vor allem deshalb so bemerkenswert, weil der linke Diskurs ja sehr stark von Begriffen wie „Toleranz“, „Gleichberechtigung“, „Konsens“, „Dialog“, „bunt“, „multikulti“ usw. geprägt ist. Ich meine inzwischen herausgefunden zu haben, dass diese Toleranz, Buntheit, Gleichberechtigung, Konsensorientierung, von denen unter Linken gesprochen wird, leider meist nicht gegenüber politisch Andersdenkenden praktiziert werden. Ich suche bis heute nach Erklärungen für diesen erstaunlichen Widerspruch.

    Vielleicht liegt es daran, dass die Identifizierung mit der eigenen Weltanschauung bei Linken besonders hoch und entsprechend die Bereitschaft zur existenziellen (=identitätswandelnden) Auseinandersetzung mit Andersdenkenden besonders niedrig ist. Bedeutet doch die Auseinandersetzung mit dem Anderen immer die „Gefahr“ (oder die „Chance“, je nachdem, wie man es sieht), sich selbst dabei zu wandeln.

    Je mehr ein Mensch an seinen Glaubenssätzen hängt (und Linke tun das nach meiner Erfahrung sehr), desto eher stellt der existenzielle Dialog eine „Gefahr“ dar, weil er die eigene wohlkonstruierte (linke) Persönlichkeit bedroht. Je weniger der Mensch dagegen festhält, je mehr er bereit ist, aufzugeben, desto weniger muss er die Begegnung fürchten, desto eher kann er ihre bereichernden Potenziale erkennen.

    Falls das stimmt, dann müssen wir das allerdings auch klar benennen, dass die linke Weltanschauung in diesem Fall ein Hindernis für den existenziellen Dialog darstellt. Deshalb bitte ich alle Linken die das hier lesen, zu überprüfen, ob ihre Toleranz und Konsensorientierung auch für die Ansichten Konservativer, Christen, Anthroposophen, Mystiker, Liberaler und anderer Andersdenkender gilt.

    Falls eine ehrliche Selbstbefragung ergibt, dass die Toleranz beim politisch Andersdenkenden endet, dass die Konsensorientierung hier nicht gilt, dass Du als Linker gerade nicht an einem Zusammenkommen mit Andersdenkenden interessiert bist, dann wäre es aus meiner Sicht unredlich, die „linken“ Begriffe der Toleranz, des Konsenses usw. usf. weiter zu verwenden.

    Menschen, die es mit dem existenziellen Dialog mit dem Anderen ernst meinen, würden dann nämlich durch diese Sprachlichkeit getäuscht werden und das wäre nicht fair. Sogar gefährlich wäre es, weil es bedeuten würde, dass das Anliegen der wirklich Toleranten, der wirklich am existenziellen Dialog Interessierten, durch diese Täuschung in Mitleidenschaft, schlimmstenfalls Verruf, gezogen würde. Das wäre fatal und dagegen muss ich mich wehren. Leider.

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