Selbst-Gespräch

Erinnert ihr euch an unsere Aktion DIALOG ANALOG? Heute erreichte uns nach langer Zeit eine Antwort von Paulus auf die an ihn gerichtete Frage: Mit wem sprichst du, wenn du mit dir im Dialog bist? Vielen Dank, dass wir diese teilen dürfen!


Lass es mich so formulieren mein Herz: lass mich dir sagen, wie es war, als du mir zum ersten Mal zuhörtest, wirklich dein Gehör der eigenen Stimme schenktest. Heute klingt die Stimme im Ohr wie das Echo aller gemeinsamen Gespräche. Und doch bleibt an jedem neuen Tage die Frage nach dem gemeinsamen Wort erhalten. Darauf wirst du dich nicht ausruhen lassen können, denn ein Herz lebt vom Puls der Zeit, erstürbe in der Stille des Festhaltens wie im Krampf. Drum schlage und suche deine Ruhe in der Bewegung, im immer wieder neuen Versuch, Wurf ins Leben – im immer wieder neuen Selbst-Gespräch, dem heiligsten aller Dialoge, denn dem zerbrechlichsten, weil scheinbar so sichersten. Denn wie soll dem Einen das Gespräch denn möglich sein? Wie kann ein Sprechen, ein Wort sich selbst Gehör schenken? – das scheint mir ein großes Geheimnis zu sein. Ist aller Anfang möglicherweise die sich erhaltende Frage eines jeden neuen Morgens? Ist es nur dem Erwachen geschuldet? Wer bleibt mir? Am Anfang war die Stimme, der Ruf oder besser der Schrei in die Welt hinein, der sich bald zum Wort formen sollte – die bloß rufende Stimme, reiner Klang, reiner Ausdruck oder besser reines Posaunen. Keine Ohren, die sollten sich erst formen:

Es zog ein junger Klang in kraftvollem Drange /
energisch in die Welt um sich ein Ohr zu bilden. /
Wie das geschah fragst du? An jenen Wassern, /
die jenseits allen Raumes, allen Pulses fließen, /
trat jener Klang ans Ufer, um im seichten Nass zu spielen; /
siehe, da kräuselten die Wellen sich, das Wasser nahm /
den Drang in seine weisheitsvollen Tiefen auf, /
sodass Bewegung ward, ein Strömen. /
Bis aus den Wassern sich der Klang ein Ohr gebar. /
Vielmehr er selbst in jenen Wassern /
klangvoll auch Ohr zu werden wusste. /
Denn Wasser, es beliebt zu murmeln. /
Schau an dein Ohr, wie eine Murmelbahn, /
auf der des Klanges heitre Schwingen /
sich verlaufen, bis sie gehörig in sich selber /
stürzen und Rufen zu lauschen beginnt.

So kam es also, dass ich mir selbst zu lauschen begann. Nicht einfach war`s, nein sogar qualvoll, bald entsetzlich, bald todestreibend, als gehe der Schicksal schaffende Finger der Atropos an den bereits zum Zerreißen gespannten Faden meines Lebens, den Klotho so lieblich gespannt, ihn zu verderben. Doch brachte mir der Schrecken bald die Übung, den hiesigen Gefahren sich’rer zu begegnen, nicht ins Wasser allzuweit hineinzuwaten, sondern leicht und selbstvergessen am Ufer still zu spielen. In diesem Spielen erst begegnete mir selbst ich ohne es zu wissen. Wie eine Brücke über jenes Wasser spannte sich da ein Gespräch und immer drohend einzustürzen, wie Orpheus‘.
Und immer spannt sie sich, wenn Worte mit mir selbst ich suche, nur im Spiel doch, wie das Herz im Blute fröhlich spielt und niemals innehält, nach sich zu fragen.
Dann quillen Worte manchmal über die Lippen des Ufers, sich soeben zum Ohr auch formend und wieder zerfließend. Was ich da höre? Stille. Sich ausbreitende Ruhe in allen wirrenden Irrtum, die den Elementen den Odem ihres Zusammenklangs einflößt und die wache Empfindung einer liebevollen Verwandtschaft hüllt sich in einen entstehenden Tropfen frischesten Wassers, der die Lippen von neuem benetzt. Das bedeutet dann Lebewohl, bis mich die blinden Füße bald wieder glücklich ans Ufer führen.

So, mein liebes Herz, bin ich mir zum ersten Mal begegnet und habe mich seither oft getroffen – im gegenseitigen Vertrauen bin ich mir zugewachsen und hoffe, dass dorrende Zeiten immer von süßen Früchten künden.


Ein Gedanke zu “Selbst-Gespräch

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