Acht Thesen über echten Dialog

Heute erreichte uns dieser Beitrag von Alex. Vielen Dank für die Worte aus Stockholm, die uns nun am Tag vor Veranstaltungsbeginn begleiten!


Dieser Text ist ein lautes Nachdenken über die Voraussetzungen und Eigenschaften von echtem Dialog. Thesen haben den großen Vorteil, offene Enden für eine Diskussion zu hinterlassen. Sie sind weder vollständig noch inhaltlich ausgeschöpft. Vielleicht sind sie sogar Quatsch. Doch es liegt an Dir, mir das zu zeigen.

Echter Dialog braucht Räume. Physische, virtuelle, gedankliche, geistige. Wer sich vom Platz bewegen will, braucht Platz. Die Räume sind Knotenpunkte, in denen die Lebenslinien der Menschen zusammenfinden. Von wo aus sie sich weiter spinnen und auf die sie zurückblicken, wenn sie Orientierung und Halt suchen. Vielleicht sind die Herbst-Dialoge ein solcher Raum. Vielleicht.

Echter Dialog macht verletzlich. (Das ist keine schlechte Nachricht. Verletzlichere Menschen sind glücklicher. Siehe dazu auch den Beitrag von Tanja hier auf dem Blog) Je mehr ich mich öffne und von mir teile, desto mehr besteht die Chance, Dir wirklich zu begegnen. Wer immer eine Rolle spielt, verliert die Fähigkeit, die richtigen Worte für das eigene Empfinden zu finden. Klar: wer sich öffnet, kann auch enttäuscht oder verletzt werden, wenn das Gegenüber kein Interesse an echtem Dialog hat. Doch das Gleiche gilt für jeden Schritt auf die Straße: wer seinen Platz verlässt, geht ein Risiko ein. Und als Mensch und als Gesellschaft ist es keine ernsthafte Option, ewig mit verschlossener Tür im trauten Heim zu bleiben.

Echter Dialog passiert im Jetzt. Er ist eine Gleichzeitigkeit des Sich-Aufeinander-Einlassens. Wenn ich einem Menschen begegne – egal wie häufig wir uns schon gesehen haben – lernen wir uns immer wieder aufs Neue kennen. Ihr oder sein Antlitz zeigt sich mir in dem gegenwärtigen Moment. Ich kann diese Person nicht für länger als das Jetzt (er)kennen. Für echten Dialog heißt das: Ich kann mich nur jetzt auf das Gegenüber einlassen, versuchen zu verstehen, nachzuempfinden und Worte für das Eigene zu finden. Denn: Es gibt dafür immer nur den gegenwärtigen Moment.

Echter Dialog ist konkret, nicht allgemein. In einem echten Dialog spreche ich über konkrete Empfindungen, Erfahrungen oder Ereignisse. Ich teile meine Beobachtungen und meine Gefühle dazu mit (und ich kann mich selbst fragen: wo kommt dieses Gefühl eigentlich her? Welches Bedürfnis steht dahinter?). Ich verständige mich mit dem Gegenüber, ob wir überhaupt auf dem gleichen Boden stehen: Welche Informationen liegen meiner Ansicht zugrunde, welchen Quellen entnehme ich diese Informationen?

Echter Dialog ist eine Begegnung auf Augenhöhe. Er ist insofern ein Ideal, das wir nie erreichen können. In einer Gesellschaft, die von Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus und zahlreichen anderen Formen der Diskriminierung durchzogen ist, kann es diese Augenhöhe kaum geben (glokal e.V. spricht vom „Märchen von der Augenhöhe„). Sie bleibt im besten Fall ein Ideal am Horizont emanzipatorischer (Gesellschafts-)Politik – im schlechtesten Fall dient sie als euphemistischer Schleier für die von Macht durchzogenen Begegnungsräume der Gesellschaft. Wer über Dialog redet, muss immer auch über Macht und über Diskriminierung reden.

Sex ist echter Dialog, kann es sein. In unserer sexualisierten Gesellschaft ist die Begegnung in Intimität jedoch völlig überladen von Bildern aus Werbung, Kitsch und Pornographie. Wer versucht, diese Fiktionen in die eigene Wirklichkeit zu übersetzen, überlässt das eigene Herz der kruden Phantasie der Drehbuchautor*innen und Werbefachleute. Denn der Mensch ist nicht so eindimensional wie der Held aus dem Groschenroman. Es gilt daher, die klebrigen Bildschichten in uns abzutragen, uns zuzuhören und sich einzulassen. Also: let’s talk about sex.

Echter Dialog muss seine Sprache reflektieren. The medium is the message – Das Medium ist die Nachricht. Sprache ist nicht neutral. Bilder sind Sprache. In der heutigen Gesellschaft sogar die mächtigste Sprache der Welt. Die einzige Weltsprache wenn mensch so will. Für echten Dialog muss ich mich also fragen: Welcher Sprache bediene ich mich? Wessen Begriffe verwende ich? Die der Kolonisator*innen oder die Selbstbezeichnungen der Menschen? Welche Bilder verwende ich?
Und: Worte und Bilder sind nicht das, was sie zu repräsentieren versuchen. Das Bezeichnete und das Bezeichnende klaffen auseinander. Das wusste auch Magritte wenn er sagte „Ceci n’est pas une pipe“ – Dies ist keine Pfeife. Ob es ewige Ideen sind, die sich dahinter verbergen oder bloß ein paar (konkrete) Erinnerungen im Kopf des*der Beobachtenden – das ist im Grunde eine Frage des Glaubens. Doch es tut gut sich klar zu machen, dass die Einheit von Wort und Gegenstand eine bloße Fiktion ist. Menschen und Gruppen, die das leugnen, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, manipulativ oder ideologisch zu sein. Wer behauptet, die Buchstaben in irgendeinem „heiligen Buch“ seien die Worte Gottes und dürfen nicht hinterfragt werden, verwischt die Möglichkeit des Menschen, sich selbst auf die Suche nach der Bedeutung der Buchstaben zu machen.

Echter Dialog passiert mit allen Sinnen. Je plastischer das Gegenüber ist, desto mehr Kanäle haben wir, um es zu verstehen. Wir haben mehr Anknüpfungspunkte, wenn wir das Gleiche riechen und schmecken, wenn wir uns uns die Augen schauen können und unsere Ohren in die gleiche Richtung spitzen. Tastaturen und Bildschirme sind ein Tor zur Welt – aber höchstens ein Wegbereiter für echten Dialog.


Ein Gedanke zu “Acht Thesen über echten Dialog

  1. Lieber Alex,
    vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich stimme mit 5 von 8 Thesen überein. Zu den anderen möchte ich gerne Widerspruch äußern im Sinne eines genaueren Verständnisses:

    Ad 4. „Echter Dialog ist konkret, nicht allgemein“

    Ich teile Deine Ansicht, dass man im Dialog am besten bei ganz konkreten Empfindungen und Erfahrungen beginnt. Wenn wir aber auf dieser Ebene bleiben, dann ist noch nicht allzu viel gewonnen. Ein existenzieller Dialog bewirkt Erkenntnisse. Erkenntnisse jedoch erwachsen erst in der Verallgemeinerung. Indem ich meine Erfahrung „verstehe“, erkenne ich ein Muster darin, eine Allgemeinheit, die darin „am Werke“ ist. Ich verstehe auf einmal die „Logik“ hinter meiner Erfahrung. Unsere Sprache operiert in Kategorien, unser Denken funktioniert deshalb in sehr vielen Fällen genau so; Verständlich wird mir die Erfahrung erst in der Kategorisierung sowie dem tieferen Verständnis der zugrunde gelegten Kategorie.
    Also deshalb die Ergänzung: Echter Dialog, wenn er ein existenzieller ist (und das sind die wirklich wertvollen) braucht gerade und vor allem die Allgemeinheit. Die Anbindung an die Konkretion ist nur nötig, damit man keine Missverständnisse erzeugt, das eigentlich Wichtige ist aber gerade die Allgemeinheit.
    Noch eine kleine Einschränkung zum Gesagten. Ich kenne auch ein wiederum die Allgemeinheit übersteigendes Denken, ein intuitives Verständnis jenseits von Kategorien. Da ist ein Erkennen, das sich nicht in Worte fassen lässt. Früher sagte man „geistige Schau“ oder „mystisches Erlebnis“. Ich hänge aber nicht an diesen religiösen Worten, wir können es gerne auch „lebendiges“ Erkennen oder anders nennen. Das kann man auch mit anderen gemeinsam haben, denke ich, also man kann auch solche nicht kategorisierbaren Erkenntnisse „teilen“. Aber ich vermute darauf hast Du gar nicht abgezielt mit Deiner These, deshalb deute ich das hier nur kurz an…

    Ad 5. „Echter Dialog ist eine Begegnung auf Augenhöhe“

    Die bewegendsten, „echtesten“ Dialoge meines Lebens habe ich gerade mit Menschen gehabt, die mir persönlich weit überlegen waren. Wer das große Glück hat, einmal einen guten Lehrer gehabt zu haben, weiß was ich meine. Solche echten Dialoge mit reiferen Persönlichkeiten finden in gewisser Weise nicht auf Augenhöhe statt. Der andere ist mir ja überlegen, versteht mich und die Situation besser als ich selbst. Ein guter Lehrer nutzt diese Überlegenheit aber nicht aus, er manipuliert mich nicht, sondern spricht in Wahrhaftigkeit seine reiferen Erkenntnisse aus, nach bestem Ermessen, wieviel davon ich bereits tragen kann. Auch hierin, indem der gute Lehrer einschätzt, wie viel er mir zumutet, zeigt sich, dass es eben kein Gespräch auf Augenhöhe ist.
    Dieses Verhältnis von gutem Lehrer und Schüler ist eines, das das traditionelle Verhältnis von Überlegenem zu Unterlegenem in unserer Gesellschaft, das „Erziehungsverhältnis“ von Eltern/ Lehrern zu Kindern/ Schülern transzendiert. In diesem ungleichen Verhältnis zum guten Lehrer lernen wir erst, was uns in früheren ungleichen Verhältnissen durch Erziehung angetan wurde. Deshalb aber zu denken, dass ALLE ungleichen Verhältnisse falsch wären, nur weil meine eigenen ersten sowie die ersten vieler anderer viel Falcshes hatten, wäre ein naturalistischer Fehlschluss.

    Du schreibst im Abschnitt Deiner fünften These auch, der echte Dialog sei „ein Ideal, das wir nie erreichen können.“ Indem Du dies tust, indem Du also den echten Dialog zu einem nie ganz erreichbaren Ideal erklärst, wird er in der Tat für Dich (und die Gruppe, in der Du diese Meinung unwidersprochen vorbringst) unerreichbar.
    Meine Erfahrung ist eine ganz andere: Jedes kleine Kind hat die Fähigkeit, in den echten Dialog zu treten, bevor ihm diese Fähigkeit Stück für Stück von den Erwachsenen genommen wird. Es gibt einige Erwachsene, die großes Glück hatten und die Dialogfähigkeit gar nicht erst verloren haben, andere, die sie sich in harten Kämpfen zurück erobert haben. Für jene Menschen ist der echte Dialog kein Ideal, sondern eine schlichte Realität. Sie haben die Fähigkeit, in der geschulten Intuition für den Augenblick schwingen zu können und darin zu kommunizieren, sie müssen deshalb nicht mehr nach Idealen streben.

    Unsere ganze Gesellschaft ist von diesem Denken, dass wir irgendwelche Ideale erreichen müssten, durchzogen. Der Grund liegt meiner Ansicht nach in den gängigen Erziehungspraktiken, in denen dem Kind immer wieder gezeigt wird, dass es noch nicht richtig ist, dass es erst noch einige Verhaltensweisen erlernen müsse, erst noch bestimmte Affekte unterdrücken müsse, bevor es ganz dazugehört, bevor es wie Mama und Papa ein Erwachsener ist. Kinder sind nicht gut, wie sie sind; Ihre Perspektive ist unreif, sie ist kindlich-naiv, ihre Ansichten sind etwas, worüber man sich amüsieren kann; das wird ihnen immer wieder gespiegelt. Kinder müssen „erzogen“ werden, damit sie lernen „richtig“ zu sehen und zu denken.

    Dieses Trauma schleppen alle, die „erzogen“ wurden, mit sich herum. Für uns „Erzogene“ ist das Streben nach Idealen so attraktiv, weil wir darin unser Selbstverständnis, dass wir noch nicht gut genug seien und deshalb nach Besserem Streben müssten, fortsetzen können. Bei den eigenen Idealen zu bleiben ist viel gemütlicher: Wir müssen dann nicht unsere Eltern und sonstigen Erzieher hinterfragen. Dies einmal zu tun, die Rolle unserer „Erzieher“ zu hinterfragen, würde aus meiner Sicht zur Beendigung allen Strebens nach Idealen führen. Dann dürften wir wieder wie die Kinder (allerdings mit geschulteren Ansichten und größeren Fähigkeiten, also auch -. anders als Kinder – mit einer ethischen Verantwortung) im Moment mitschwingen und das Leben wäre wieder ganz bezaubernd.

    Als Kinder, bevor wir lernten, nach erwachsenen Idealen zu streben, hatten wir so etwas wie eine Intuition für den Augenblick, ein intuitives Gespür, ein natürliches Verhalten. Hätten wir diese Intuition noch als Erwachsene – verbunden mit all den vielen Fähigkeiten, die wir im Laufe des Lebens erwarben, und unserer ethischen Haltung, die wir uns erarbeitet haben – wie mächtig und segensreich könnten wir für das Gute wirken!
    Stattdessen streben so viele Erwachsene nach Idealen, z.B. nach linken Idealen, emanzipatorischen Idealen, bürgerlichen Idealen, wirtschaftsliberalen Idealen, national-konservativen Idealen usw.! Darin verlängern sie aber aus meiner Sicht nur den Kampf gegen die Natürlichkeit, den ihre Eltern begannen. Gleichzeitig ist es eine Fortsetzung des Kampf-Modus der Menschen: Ein Ideal steht gegen das andere, wir müssen uns auf einmal gegeneinander durchsetzen, einander besiegen, wenn wir in Idealen denken.

    Ad 7. „Echter Dialog muss seine Sprache reflektieren“

    Bei dem „muss“ in diesem Satz zieht sich mir alles zusammen. Ich nehme es als ein zwingendes, befehlendes „muss“ wahr. Es engt mich ein. Ich fühle mich durch diesen Satz unfrei, mich zu äußern, wie es mir in den Sinn kommt, einfach „frei nach Schnauze“ zu reden.
    Diejenigen, von denen wir vielleicht am meisten über den echten Dialog lernen können, kleine Kinder, reflektieren gewiss nicht ihre Sprache. Ganz im Gegenteil sagen sie völlig frei heraus, was sie gerade denken. Dann freilich kommen die Erwachsenen und korrigieren sie, bringen ihnen bei, dass sie etwas falsch gemacht haben, dass sie sich falsch ausdrücken, dass sie sich unpassend geäußert hätten. So wird Sprache von einem kreativen Ausdrucksspiel zu einem festgezurrten Zwangsausdruck.

    Gut finde ich die Aufmerksamkeit auf die Sprache, wenn sie wie ein Spiel ist: Guck mal, ich kann auch ein Sternchen in den Text machen, wo ich früher nur die männliche Form verwendet habe. Wenn ich daran Spaß habe, wenn es aufregend ist, wenn es ein kreatives, selbstvergessenes Tun ist, dann kann es in der Tat befreiend sein. Wenn es aber ein „Muss“ ist, wenn es ein allzu oft „reflektiertes“, „ideales“ Sprechen ist, worum es geht, dann bringt es aus meiner Sicht mehr Schaden, als es nützt. Dann ist es nur eine Fortsetzung der „Erziehung“, eine Fortsetzung der Unterdrückung.

    Also auch hier möchte ich die Gegenthese vertreten: Echter Dialog muss seine Sprache ganz gewiss nicht reflektieren. Er kann das machen, wenn es ihm gerade in den Sinn kommt, wenn es grad dran ist, müssen tut er es aber ganz bestimmt nicht. Ganz im Gegenteil kann das Zuviel an Reflexion, das Zuviel an Nachdenken über das eigene Sprechen sogar eher das freie, kreative Sprechen, das der echte Dialog ja braucht, verhindern.
    Da wo man seine Sprache reflektieren „muss“, wie Du schreibst, da ist aus meiner Sicht noch lange kein echter Dialog. Da wo ich nicht frei bin zu sprechen, wie es mir gerade in den Sinn kommt, da kann ich auch nicht im Moment mitschwingen, kann nicht im Jetzt sein und mich in Selbstvergessenheit äußern. Da kann ich dem andern nicht begegnen wie ich gerade bin.

    Im linken Diskurs, wie ich ihn kenne, empfinde ich die Sprachreflexion jedenfalls oft als ein Zuviel, das unfrei macht. Wenn Studenten an der Uni Bielefeld beispielsweise Abzüge in den Hausarbeiten bekommen, weil sie ihre Texte nicht richtig durch-gendern (und ich weiß, dass das da passiert), dann hat mal wieder das „Ideale“-Denken der Erziehung zugeschlagen und ein neues Züchtigungssystem installiert. Dann ist die Freiheit futsch und der echte Dialog auch.
    Das ist eine Wiederholung der Situation des kleinen Kindes, das für eine „falsche“ Äußerung gedemütigt wurde. Die „gemusste“ Selbst- und Fremdüberwachung der Sprache ist in meinem Verständnis die direkte Folge solcher unüberwundener Demütigungen in der Kindheit.

    So, that´s it. Ich wäre gespannt zu hören, was Du oder jemand sonst zu diesen Gedanken meint.

    Besten Gruß aus Graach! Matthias

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